Uni Gießen

Illegale Tests, manipulierte Doktorarbeiten

Ein Patient erhält in einem Krankenhaus vor einer Operation eine Narkose. (Bild: colourbox.com)
An der Universität Gießen sind nach hr-Recherchen Doktorarbeiten manipuliert worden. In einigen Arbeiten sollen illegale Patiententests durchgeführt worden sein.
 
Wie das hr-Magazin "defacto" am Sonntagabend berichtet, wurden am Fachbereich Medizin der Justus-Liebig Universität Gießen zahlreiche für die Doktorarbeiten notwendigen Patientenversuche ohne Genehmigung der Ethik-Kommission durchgeführt.
 
Im Visier der Ermittlungen steht Ex-Professor Joachim Boldt, der jahrelang an der Uni lehrte und als Doktorvater zahlreiche Arbeiten abnahm. Er hätte prüfen müssen, ob eine Genehmigung der Ethik-Kommission für die Patiententests vorlag. Das tat er in vielen Fällen offenbar nicht.

"Patientenversuche ohne

Genehmigung haben
 
Tradition"

Klinische Versuche an Menschen ohne Genehmigung hätten in Gießen Tradition, erklärte ein ehemaliger Narkosearzt der Uniklinik Gießen gegenüber "defacto". "Man konnte an Kassenpatienten eigentlich alles machen, um Versuchen durchzuführen und um an akademische Titel heranzukommen. Die Patienten waren alle in Narkose oder ohnmächtig."

Zwei Fälle auch nach 2000 aufgedeckt

Zwar versichert die Uni Gießen, dass seit 2000 vorbildliche Standards für Doktorarbeiten entwickelt worden seien. Die Realität sieht aber offenbar etwas anders aus: "defacto" hat den Fall von Alexander Sch. aufgedeckt, der heute als Anästhesist an einem süddeutschen Klinikum arbeitet. Er soll Ergebnisse einer Untersuchung zum Blutplasma-Ersatzstoff HES, die von der Ethikkommission ausdrücklich abgelehnt worden war, in seiner Dissertation von 2004 genutzt haben.
 
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Dies ist nach "defacto"-Recherchen bereits der zweite Fall, der nach dem Jahr 2000 abgeschlossen wurde und keineswegs die vorgeschriebenen Standards enthält. Wie die "Gießener Zeitung" vor kurzem herausfand, soll auch der Mediziner P. mit einer Arbeit zum umstrittenen Blutplasma-Ersatzstoff HES promoviert worden sein – ohne Beweis für die Einverständniserklärung der Ethik-Kommission zur Studie. Die Unterlagen sollen ebenso wie die Unterschriften verschwunden sein.

Uni Gießen prüft die Vorwürfe

Die Uni Gießen will sich zu den beiden Manipulationsfällen seit drei Monaten nicht äußern. Man prüfe die Vorwürfe, heißt es. Zwar wurde vor drei Wochen dem umstrittenen Mediziner Boldt der Professorentitel aberkannt – allerdings nur weil er über Jahre hinweg keine Lehrveranstaltung am Fachbereich Medizin abhielt, obwohl er dazu verpflichtet gewesen wäre. Die Landesärztekammer in Rheinland-Pfalz hat eine Liste der illegal durchgeführten Studien unter Federführung Boldts veröffentlicht, Mehrere medizinische Fachzeitschriften haben Fachaufsätze von Boldt zurückgezogen.

In einer internen Mail warnt der heutige Narkosechef, Professor Markus Weigand, vor "defacto". Das Magazin sei an keiner sachlichen Aufklärung, sondern nur an einem Skandal und Personen, die man öffentlich vorführen könne, interessiert. Gleichzeitig werden die Gießener Prüfärzte angewiesen, die Genehmigung der Ethik-Kommission und die Einwilligungen der Patienten bei ihren Versuchen einzuholen. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit ...
 
Redaktion: nobl / aba
Bild: © colourbox.com
Letzte Aktualisierung: 13.03.2011, 18:59 Uhr